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Montag, 6. Februar 2012

So ist das Leben


Geboren am 22. Januar 1933 in Wilhelmshaven, die Machtübernahme von Adolf Hitler knapp verpaßt, wie mein Großvater immer grinsend anzumerken pflegte.
Ich war ein Sonntagskind mit der Gnade der späten Geburt.
Trotz dieser hoffnungsvollen Vorzeichen spielten sich meine ersten Jahre wegen der Wohnungsnot in dunklen feuchten Hinterhofkellerwohnungen oder in einem zugigen und klapprigen Gartenhäuschen, sinnigerweise am Totenweg ab, wo ich mein erstes und letztes Luftschiff, die Hindenburg, zu Gesicht bekam, das majestätisch, riesengroß und still an uns vorüberglitt. 1937 ging dann eben diese 'Hindenburg' in Lakehurst bei New York beim Landemanöver in Flammen auf. Und das Entsetzen über das Unglück war so groß, daß die Luftschifffahrt sofort eingestellt wurde.
Einschulung am 1. April 1939. Dieses Mal hatte ich Glück. Dieser Tag fiel zusammen mit dem Besuch Adolf Hitlers in Wihelmshaven. Er wollte wieder eine seiner kernigen Reden vom Stapel lassen, von denen seine Zuhörer erstaunlicherweise immer wieder wie hypnotisiert waren. Ich stand am Straßenrand der Marktstraße bei Karstadt, wo mir mein Großvater gerade eine prallgefüllte Schultüte gekauft hatte, winkte artig mit meinem Papierfähnchen und sah ihn in merkwürdiger Pose ein paar Schritte von mir entfernt in seinem offenen Wagen an mir vorbeirollen. Mit der linken Hand stützte er sich ab, mit der rechten hocherhobenen Hand grüßte er seine Hammelherde, sein Blick jedoch ging ins Leere, weit voraus zu Lands End, wo sich die Lemminge kopflos in die Tiefe stürzten.
Mein Großvater nahm mich auf den Arm, um mich vor der wilden Begeisterung der Menge zu schützen und brummte nahe meinem Ohr: "Adolf sehen und sterben, das ist es, was will der Mensch noch mehr."
Den 1. September 1939 empfand ich irgendwie merkwürdig elektrisierend. Die Leute rannten auf der Straße hin und her und sahen dauernd nach oben, wo am azurblauen Himmel ein paar Flugzeuge offenbar kriegen spielten, indem sie dauernd rauf und runter und im Kreis umeinander herumgurkten und sich auch noch beschossen. Bis es offenbar jemandem dämmerte, daß das kein Flugmanöver war, sondern Krieg! Der Schrei eilte von Mund zu Mund und ich nach oben in unsere Wohnung, ohne auf meine Mutter zu warten, die gerade Brötchen holen wollte, und rüttelte an meinem Vater herum, der sich nach der Nachtschicht auf der Werft noch ein Nickerchen auf der Küchencouch gönnte. "Vati, es ist Krieg, es ist Krieg, obwohl ich keine Ahnung hatte, was das bedeutete. Aber mein Vater war schlagartig wach und als nächstes kam meine Mutter hereingestürzt, drehte den Volksempfänger auf und wir hörten gerade noch die schicksalsträchtigen Worte unseres Führers:"Ab 5.45 Uhr wird zurückgeschossen. Von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten..." Na, ja, irgendwer hat ja mal gesagt, nirgendwo wird soviel gelogen, wie in Kriegsberichten.
Anfangs fanden wir dann auch noch alles ganz putzig. Verdunklungspflicht. Kein Lichtstrahl durfte nach draußen dringen, um den Engländern nicht den Weg zu weisen, den sie sowieso gefunden hatten. Und dann knipsten sie auf ihre Weise das Licht an, um besser sehen zu können, nämlich, indem sie die sogenannten Tannenbäume abwarfen und rote Leuchtkugeln verschossen, die die ganze Stadt in ein warmes rotes Licht tauchten und wir hingen in den Fenstern und bestaunten die Pracht. Und wenn dann jemand vergessen hatte, das Licht auszudrehen, bevor er die rabenschwarzen Rollos hochzog, dann tönte von irgendwoher garantiert ein wütender Ruf: "Licht aus.!" Doch bald merkten wir, daß das kein Spiel mehr war, um uns zu entzücken, denn die Sache wurde ernst und ernster. Die Bombenangriffe hart und härter. Es war der reinste Zermürbungskrieg. Jede Nacht heulten die Alarmsirenen, manchmal sogar bis zu elfmal und ich wurde müder und müder. Wir gingen schon in voller Montur in's Bett, um uns damit nicht auch noch aufzuhalten. Einmal hatte ich in meinem nachtwandlerischen Tran das Kleid, das meine Mutter mir über den Kopf gestülpt hatte in der Hoffnung, ich würde mich nun weiter ankleiden, einfach wieder an mir heruntergleiten lassen und stand schlafend an der Wand. Meine Mutter kriegte die Krise, inzwischen war sie schon mit vier Kindern gesegnet, und zog mich auch noch an. Ich hatte das Gefühl, ich müßte etwas gut machen, denn es galt die Parole jeder hatte etwas mitzunehmen und zu retten. Der Kleinste rettete natürlich nur seinen Schnuller. Also sammelte ich sämtliche Fußmatten ein, die vor den Türen lagen und latschte mit ihnen, schon wieder halb schlafend in den Flur, wo meine Mutter sie mir wütend entriß und auf den Boden schleuderte. Als endlich Entwarnung gegeben wurde und ich inzwischen einigermaßen wach, fragte ich dann ganz erstaunt, wer die ganzen Matten dahingeschmissen hatte. Und meine Mutter bölkte los: "Allmächtiger, womit bin ich gestraft. Mit vier Kindern und einem Ehemann, der sich in Frankreich amüsiert und Bombenangriffe nur vom Hörensagen kennt.
Als sich dann noch das fünfte Kind anschickte, unbedingt in dieses Bombeninferno hineingeboren zu werden, ließ meine Mutter in Wilhelmshaven alles stehen und liegen und meldete sich für den nächsten Evakuierungszug an, der uns dann einen Monat nach der Geburt meines jüngsten Bruder im Februar 1943 nach Hessen brachte, in ein kleines Dorf, einen Steinwurf von Marburg entfernt, wo wir das Ende des Krieges in Ruhe und Frieden abwarten wollten. Ob meine Mutter angesichts der Tatsache, daß Stalingrad am 2. Februar 1943 kapituliert hatte, noch an den Endsieg glaubte, ist nicht überliefert. Meine Mutter hatte sich zu politischen Ereignissen nie geäußert. Mit der Ruhe und dem Frieden war es nicht weit her, denn schon bald kam eine neue Plage über uns. Die Tiefflieger. Sie hatten den Befehl, auf alles zu schießen, was sich bewegte und das taten sie mit Bravour. Ich nehme an, daß die Piloten in ihren Kanzeln ihren Spaß daran hatten, wenn sie im Tiefflug herangebraust kamen, ihre Maschinengewehrgarben zwischen die auf dem Feld arbeitenden Menschen verschossen, so daß denen die Ackerkrume ins Gesicht spritzte, und wenn dann gar noch mitten auf dem Feld hochaufgerichtet eine Frau stand und ihnen wild mit ihrem weißen Kopftuch zuwinkte, dann wollten sie diese merkwürdige Ami-Sympathisantin sicher nicht erschießen, knallten ihr aber trotzdem sozusagen als Warnung eine volle Ladung blauer Bohnen genau vor die Füße, so daß die dann wie ein aufgeregtes Huhn in den nächsten Graben plumpste. Ihren Fluch "Jeschusch, Maria, Jupp und Kurva" konnten sie ja nicht hören.
Meine Mutter fiel also erneut vor lauter Angst von einer Ohnmacht in die andere und sie traute sich schon nicht mehr, ihre Kinder alleine aus dem Haus gehen zu lassen, was sich aber nicht vermeiden ließ. So hatten wir zum Jugendappell anzutreten, nicht nur die Jugend aus unserem Dorf, sondern auch aus den umliegenden Dörfern. Irgendwo, schon fast außerhalb des Dorfes hatten wir dann einen genügend großen Platz, von einer Straße durchschnitten, wo wir uns aufzustellen hatten. Die Uniformierten vorne, die Nichtuniformierten, zu denen ich auch gehörte, mußten hinten stehen, damit wir das Bild nicht störten. Unser Rektor war ein glühender Nazi und sein Auge wollte nicht von so einem wie Kraut und Rüben zusammengewürfelten Haufen beleidigt werden. Er trug nicht nur zu diesem Anlaß seine Uniform, sondern, die schien ihm schon zur zweiten Haut geworden zu sein. Auf der Straße hatte man einen Tisch aufgestellt und eine Hakenkreuzfahne darüber gebreitet, die der Rektor mit zärtlichen Fingern streichelte. Er wollte gerade zu seiner wohlvorbereiteten Rede ansetzen, als die Tiefflieger herangebraust kamen, flogen donnernd über uns hinweg und sagten sich wohl, das Theater da unten müssen wir uns mal näher ansehen. Die Formation teilte sich, die eine Hälfte rechts, die andere Hälte links und kamen dann herzförmig wieder zurückgebraust. Nun gab es kein Halten mehr. Adolfs Hitlerjugend beherzigte seinen Rat: "Seid flink, wie Windhunde, zäh, wie Leder und hart, wie Kruppstahl, und stoben in alle vier Winde auf der Suche nach einem Schlupfwinkel. Ich hatte es da leichter, weil ich sowieso ganz hinten stehen mußte. Ich brauchte nur um den Holzstapel herumzugehen, an den ich mich bis dahin gelangweilt gelehnt hatte und mich vorsichtshalber hinducken und der Dinge harren, die da kommen würden. Ich sah zur Straße hin, wo unser Rektor abgeblieben war, doch der hatte sich bereits mitsamt seiner geliebten Fahne unter dem Tisch verkrochen. Ein Gaudi für das ganze Dorf. Es hatte mal wieder etwas zu lachen.
Meine Mutter fand jetzt keine Ruhe mehr, sie ahnte wohl, daß alles den Bach runtergeht, wenn wir schon zum Spielball der Tiefflieger wurden, die von keinem unserer deutschen Fliegerasse aufgehalten und aus dem Lande gejagt wurden. Und Berlin wurde ständig bombadiert, obwohl Göring noch am Anfang des Krieges vollmundig getönt hatte, wenn auch nur ein einziges feindliches Flugzeug sich über Berlin zeigen sollte, wollte er 'Meier' heißen. Inzwischen dröhnte er sich mit Morphium voll und träumte sich seinen Sieg schön.
Im April 45 wurden wir dann von überirdischen Geräuschen aufgeschreckt. Das war ein Knirschen und Stöhnen, wenn Ketten auf Metall treffen, und dann kamen sie um die Ecke. Zuerst sah man diese furchterregenden langen Metallrohre und dahinter wurden die Panzer sichtbar. Und wenn sie die Rohre auf eines der Häuser ausrichteten, dachten wir, jetzt jagen sie gleich das Haus in die Luft. Aber dann richteten sie das Rohr wieder nach vorne und quälten sich weiter im Schritttempo, eine endlose Stahllawine, Panzer, Tanks, Lastwagen und Jeeps. Die Panzerluken waren offen und in jeder stand ein kaugummikauender Ami, den Stahlhelm schräg auf dem Kopf, die Kinnriemen lose herunterhängend. In den Lastwagen standen sie und köpften eine Flasche Wein nach der anderen, ließen sich ein paar Schlucke in die Kehle laufen und warfen die noch halbvolle Flasche grinsend in den Straßengraben und schmissen gleich noch Kaugummis, angebrochene Zigarettenschachteln und Schokolade hinterher, nur um sich darüber zu amüsieren, wie sich die Dorfjugend johlend über die Schätze hermachte.
Zu Ostern 45 wurden uns sozusagen schwarze Ostereier ins Nest gelegt. Mein Bruder kam angerannt und schrie aufgeregt: "Der schwarze Mann ist da." Tatsächlich richtete jetzt eine schwarze Militäreinheit eine Kommandantur in unserem Dorf ein. Auf unserem Hofvorplatz wurde eine Gulaschkanone in Gang gebracht, in der nicht nur Gulasch, sondern auch wunderbarer Schokoladenpudding gekocht wurde. Meine Mutter kriegte schon wieder ihre nächste Krise, weil sie es irgendwo hatte läuten hören, die Schwarzen wären spitz wie Lumpi und wenn die Auserkorene nicht freiwillig mitgehen wollte, würden sie ihr eben das Kind wegnehmen, falls sie eines hatte, dann würde sie schon brav hinterherkommen und keine Zicken machen. Doch unsere Schwarzen waren offenbar nicht spitz wie Lumpi, waren kreuzbrave gutmütige Riesenbabys und holten zwar meinen kleinen Bruder aus dem Kinderwagen, machten killekille an seinem Bauch, bis er vor Vergnügen krähte, warfen ihn ein paar mal in die Luft, um ihn mit ihren Riesenpranken sicher wieder aufzufangen und fütterten ihn anschließen mit Schokoladenpudding und wir Geschwister bekamen auch unseren Teil ab. Die wollten eben nur spielen. Aber das kriegte meine Mutter schon nicht mehr mit, weil sie inzwischen sanft in Ohnmacht gefallen war.
Für meine Mutter war jetzt der Krieg zu Ende. Sie wollte nur noch nach Hause. Aber so schnell schossen die Preußen natürlich nicht. Und meine Mutter hatte keine Ahnung, daß im Westen und im Osten, vor allem um Berlin noch die heftigsten Kämpfe stattfanden. Notgedrungen wartete sie dann noch, bis es endlich offiziell war, und dann rannte sie zur Kommandantur, um einen Passierschein zu beantragen, der ihr natürlich nicht erteilt wurde mit der Begründung, die Amis wollten nicht, daß sämtliche Straßen mit zurückflutenden Evakuierten, Flüchtlingen, herumvagabundierenden ehemaligen Zwangsarbeitern, die sowieso nicht wüßten, wohin, verstopft würden.
Das kratzte meine Mutter wenig. Sie fühlte sich plötzlich unternehmungslustig. Der Feind, war nicht mehr der Feind, vor dem man Todesangst haben mußte, sondern ein schnöseliger pickeliger Bengel, der meinte, er könnte hier den strammen Max markieren. Er imponierte meiner Mutter in keiner Weise. Sie sah ihn verächtlich an und sagte forsch, dann fahre ich eben ohne Passierschein, Heil Hitler! Als sie wieder draußen war, bekam sie dann doch weiche Knie und dachte, gleich verhaften die mich als Nazisympathisantin oder was weiß ich. Doch der picklige Schnösel, der fließend deutsch sprach, griente nur und rief ihr 'gute Reise' nach.
Na, ja, wenn man betrachtet, was die Menschen durchgemacht haben, die im Osten vor den Russen geflüchtet waren, dann hatten wir eine gute Reise, auch wenn es für meine Mutter wahrscheinlich die größte Herausforderung in ihrem Leben war. Man könnte es mit einem Survivel-Urlaub unter Pfadfindern vergleichen.
Von Marburg bis Neustadt konnten wir mit der Bahn fahren. 30 Kilometer war das Limit. Ab da durfte man sich nicht mehr ohne Passierschein erwischen lassen. Meine Mutter schaffte es offenbar, sich und ihre fünf Kinder im entscheidenden Moment unsichtbar zu machen. So kamen wir unangefochten nach Kassel, von da nach Warburg, Brackwede, Paderborn, Bethel bei Bielefeld und von da quer rüber nach Hannover und von da nach Wilhelmshaven. Die Reise dauerte vierzehn Tage, denn meistens ging es zu Fuß, manchmal durften wir zu einem Bauern auf den Leiterwagen klettern und wenn wir von einem klapprigen Holzvergaser-Lastwagen mitgenommen wurden, dann waren wir selig. Ab Hannover, wir konnten unser Glück kaum fassen, konnten wir mit einem Zug nach Wilhelmshaven fahren. Zuvor hatten wir aber noch ein Schreckenserlebnis der besonderen Art. Mein Bruder war verschwunden, der mit den schnellen Beinen und dem die Unternehmungslust aus den Augen blitzte. Mein jüngster Bruder hockte Gott sei Dank in seinem Kinderwagen, war vorsorglich angeschnallt, und konnte nicht raus. Der nächste war zu behäbig, um sich groß anzustrengen und war schon durch seine Behäbigkeit in Gefahr geraten, weil er viel zu spät merkte, wenn sich da etwas zusammenbraute. Aber der dritte, der älteste von den Brüdern, der hatte es in sich, der war immer auf Jück. Als er sich beim Klettern ein Bein gebrochen hatte, brachte meine Mutter in runter in den Hof und setzte ihn in den Sandkasten zum Spielen in der Meinung, nun könnte er ja nicht weglaufen mit seinem Gips, von wegen kurze Zeit später war er schon auf seinem Hosenboden über den Hof auf die Straße gerutscht. Und nun war er in Hannover verschwunden. Die Menschenmenge hatte ihn einfach verschluckt. Natürlich bekam ich als Älteste das Donnerwetter ab, nicht genug aufgepaßt zu haben. Warum meine Schwester keinen Anpfiff kriegte, obwohl sie eigentlich die Aufgabe gehabt hatte, die beiden Brüder an einer Leine zu halten und mit ihnen sozusagen Pferdchen zu spielen, war mir schleierhaft. Also suchten wir meinen Bruder. Meine Mutter ging in die eine Richtung und ich in die andere. Dann wollten wir uns wieder beim Kinderwagen und den Rest der Familie treffen. Ich glaube, ich habe einen Olympia-Rekord im Langsamgehen aufgestellt, weil ich solche Angst hatte, ohne meinen Bruder zurückzukehren. Es war ein trostloser Anblick. Der Bahnsteig war schwarz vor Menschen und wenn man einmal einen freien Blick auf die Stadt hatte, dann sah man nichts als Steine, Steine und nochmal Steine. Eine Trümmerlandschaft, soweit man sehen konnte. Das war der Weltuntergang. In mir war auch Weltuntergang und als ich immer trostloser werdend endlich wieder zurückgeschlichen kam, konnte ich mein Glück kaum fassen. Neben meiner Mutter stand mein Bruder, fröhlich auf einem Stück Kommisbrot kauend. Das hätten wir uns ja auch eigentlich denken können, daß er als erstes seiner Spürnase folgend die Bahnhofsmission ansteuern würde, um nach Eßbarem zu fragen, denn wir hatten ja die ganze Zeit unter großem Hunger gelitten, weil wir ohne Passierschein keine Lebensmittelmarken bekamen, so daß wir immer auf die mildtätigen Gaben hilfsbereiter Menschen angewiesen waren.
Um das Maß unseres Glückes voll zu machen, fuhr ein Zug ein, der als solcher gar nicht mehr zu identifizieren war. Die Menschen hingen wie Trauben an ihm, auf ihm, in ihm und unter ihm. Wie viele bei solch halsbrecherischen Fahrten zu Schaden gekommen waren, ist wohl kaum erfaßt worden. Der Zug kam genau vor unserer Nase zum Stehen, eine Waggontür schlug auf und meine Mutter, die wohl gerade noch gedacht haben mag, da kommen wir niemals mit, wurde von kräftigen Männerhänden in den Zug geschoben, der Kinderwagen gleich hinterher und wir restlichen Kinder wurden der Einfachheithalber durch die Abteilfenster gehoben. Vor Glück vergaßen wir Hunger und Durst, jetzt ging es endlich nach Hause.
In Wilhelmshaven kam dann der nächste Schock, der unser Glück dämpfte. Es sah hier nicht besser aus als in Hannover vom Bahnhof aus zu sehen gewesen war. Die Bomberverbände hatten ganze Arbeit geleistet. Straßenzüge um Straßenzüge lagen in Schutt und Asche. Es hieß, daß die Stadt zu 75% zerstört war einschließlich unserer Wohnung, wovon wir keine Ahnung hatten, weil die Post inzwischen auch nicht mehr funktionierte. Wir schlüpften also bei meiner Tante unter, so daß wir mit elf Personen uns ständig gegenseitig auf den Füßen standen. Die Rückkehr der Männer und der drei ältesten Kinder meiner Tante aus dem Krieg würde uns vor weitere Probleme stellen, die dadurch behoben wurden, daß das Wohnungsamt meine Mutter und uns fünf Kinder kurzerhand in eine halb ausgebombte Wohnung einwies zur Freude meiner Brüder, konnten sie doch, ohne daß meine Mutter etwas merkte aus dem vierten Zimmer am Ende des Flurs auf das Nachbartrümmergrundstück springen, denn die ganze Wand auf dieser Seite war weggerissen und wir hatten sozusagen zwei Ein- und Ausgänge. Den offiziellen durch die Wohnungstür und den inoffiziellen durch die fehlende Wand im vierten Zimmer. Natürlich bekamen wir durch diese Schwachstelle denn auch schon mal ungebetenen Besuch, so daß die erste Amtshandlung meines Vaters, als er aus dem Krieg zurückkam, war, unsere hintere Welt mit Brettern zu vernageln.
Und dann nahm alles irgendwie seinen normalen Gang, wenn man das überhaupt so bezeichnen kann. Die Stadt berief alle, die noch kriechen konnten, zum Trümmer wegräumen, Steineklopfen und den ersten zaghaften Wiederaufbau. Wer sich weigerte, bekam keine Lebensmittelmarken, so einfach war das. Wir gingen wieder zur Schule und wir leckten uns alle Finger nach der von den Amis gestifteten Schulspeisung und freuten uns wie ein Schneekönig, wenn der Pfarrer seine Schätze aus den Carepaketen verteilte und wir ein Kleid, eine Bluse oder ein paar Schuhe daraus ergattern konnten. Mein jüngster Bruder hatte nur ein einziges Paar Schuhe, neue waren nicht zu kaufen, und diese Schuhe hatte er dann beim Spielen auf dem Nachbargrundstück verloren. Was für eine Katastrophe. Wir mußten dann alle ausschwärmen, um die Schuhe zu suchen und drehten quasi jeden Stein um, bis wir sie wiedergefunden hatten.
Nach der Schule bekam ich eine Lehrstelle bei einem Rechtsanwalt und Notar und legte nach zweieinhalb Jahren meine Prüfungen mit 'gut' ab. Danach arbeitete ich elf Jahre bei den Schreibmaschinenwerken Olympia und ging dann 1963 nach Hamburg, wo ich dann wieder eigentlich ohne mein Zutun in einem großen Notariatsbüro landete, wo ich dann bis zu meinem Ruhestand arbeitete, die letzten 15 Jahre als Bürovorsteher. Der eigentliche Grund nach Hamburg zu gehen, war mein Sohn, bei dem wir in den ersten Jahren an eine Sprachschwierigkeit glaubten, genau, wie die Ärzte und wir wollten ihn hier in Hamburg auf eine Sprachheilschule geben. Hier wurde dann festgestellt, daß seine Behinderung tiefer lag, es sich nicht nur um einen Sprachfehler handelte und eine Sprachheilschule ihm also auch nicht helfen könnte. Wir hatten das Glück, daß gerade zur rechten Zeit in unserer Nähe eine heilpädagogische Tagesschule eröffnet und unser Sohn dort aufgenommen wurde.
Nun waren wir also in Hamburg und mußten feststellen, daß wir mit der Zukunft unseres Sohnes ein ernsthaftes Problem hatten.
Wir kamen zu dem Schluß, daß die beste Absicherung für ihn ein eigenes Haus mit Garten war. Da würde er sich sicher und wohlfühlen, wir könnten Tiere halten, die er so liebte und er könne sich nach Belieben in Haus und Garten beschäftigen. Er ist ein fröhlicher und humorvoller Mensch, liebenswert, umgänglich und tut keiner Fliege etwas zuleide.
So haben wir denn 1971 unser Haus bezogen, wo er sich geborgen und pudelwohl fühlt. Die Katzen, die über die Jahre unser Leben mit viel Freude und Liebe bereichert haben, waren sein ein und alles und wenn sie starben, haben wir sie gemeinsam unter Tränen begraben.
Er nennt mich Chef oder Chefin, weil er wohl spürt, daß ich sein Kopf bin und er ist mein starker Arm. So leben wir jetzt friedlich in unserer Oase seit 38 Jahren. Mein Mann starb 2002 und so habe ich dann 2003 einen Bruder für meinen Sohn gesucht und adoptiert in der Hoffnung, daß er die Angelegenheiten für meinen Sohn in meinem Sinne regeln wird.
Und wenn ich vor die Tür trete und meine Rasenflächen und die Waschbetonsteine betrachte, die von dem zähen Moos überzogen werden, dann denke ich: "Ohne Moos nix los", denn jetzt haben wir wieder reichlich zu tun, um das ganze Moos wegzukratzen.
Weiß jemand, wie man dem Moos am wirksamsten zu Leibe rückt? Denn das ist wahrlich eine Fronarbeit.
LG Renate Kronberg

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