Geboren am 22. Januar 1933 in Wilhelmshaven, die Machtübernahme von Adolf
Hitler knapp verpaßt, wie mein Großvater immer grinsend anzumerken pflegte.
Ich
war ein Sonntagskind mit der Gnade der späten Geburt.
Trotz dieser hoffnungsvollen Vorzeichen spielten sich meine ersten Jahre wegen der Wohnungsnot in dunklen feuchten Hinterhofkellerwohnungen oder in einem zugigen und klapprigen Gartenhäuschen, sinnigerweise am Totenweg ab, wo ich mein erstes und letztes Luftschiff, die Hindenburg, zu Gesicht bekam, das majestätisch, riesengroß und still an uns vorüberglitt. 1937 ging dann eben diese 'Hindenburg' in Lakehurst bei New York beim Landemanöver in Flammen auf. Und das Entsetzen über das Unglück war so groß, daß die Luftschifffahrt sofort eingestellt wurde.
Trotz dieser hoffnungsvollen Vorzeichen spielten sich meine ersten Jahre wegen der Wohnungsnot in dunklen feuchten Hinterhofkellerwohnungen oder in einem zugigen und klapprigen Gartenhäuschen, sinnigerweise am Totenweg ab, wo ich mein erstes und letztes Luftschiff, die Hindenburg, zu Gesicht bekam, das majestätisch, riesengroß und still an uns vorüberglitt. 1937 ging dann eben diese 'Hindenburg' in Lakehurst bei New York beim Landemanöver in Flammen auf. Und das Entsetzen über das Unglück war so groß, daß die Luftschifffahrt sofort eingestellt wurde.
Einschulung am 1. April 1939. Dieses Mal hatte ich Glück. Dieser Tag fiel
zusammen mit dem Besuch Adolf Hitlers in Wihelmshaven. Er wollte wieder eine
seiner kernigen Reden vom Stapel lassen, von denen seine Zuhörer
erstaunlicherweise immer wieder wie hypnotisiert waren. Ich stand am Straßenrand
der Marktstraße bei Karstadt, wo mir mein Großvater gerade eine prallgefüllte
Schultüte gekauft hatte, winkte artig mit meinem Papierfähnchen und sah ihn in
merkwürdiger Pose ein paar Schritte von mir entfernt in seinem offenen Wagen an
mir vorbeirollen. Mit der linken Hand stützte er sich ab, mit der rechten
hocherhobenen Hand grüßte er seine Hammelherde, sein Blick jedoch ging ins
Leere, weit voraus zu Lands End, wo sich die Lemminge kopflos in die Tiefe
stürzten.
Mein
Großvater nahm mich auf den Arm, um mich vor der wilden Begeisterung der Menge
zu schützen und brummte nahe meinem Ohr: "Adolf sehen und sterben, das ist es,
was will der Mensch noch mehr."
Den 1.
September 1939 empfand ich irgendwie merkwürdig elektrisierend. Die Leute
rannten auf der Straße hin und her und sahen dauernd nach oben, wo am azurblauen
Himmel ein paar Flugzeuge offenbar kriegen spielten, indem sie dauernd rauf und
runter und im Kreis umeinander herumgurkten und sich auch noch beschossen. Bis
es offenbar jemandem dämmerte, daß das kein Flugmanöver war, sondern Krieg! Der
Schrei eilte von Mund zu Mund und ich nach oben in unsere Wohnung, ohne auf
meine Mutter zu warten, die gerade Brötchen holen wollte, und rüttelte an meinem
Vater herum, der sich nach der Nachtschicht auf der Werft noch ein Nickerchen
auf der Küchencouch gönnte. "Vati, es ist Krieg, es ist Krieg, obwohl ich keine
Ahnung hatte, was das bedeutete. Aber mein Vater war schlagartig wach und als
nächstes kam meine Mutter hereingestürzt, drehte den Volksempfänger auf und wir
hörten gerade noch die schicksalsträchtigen Worte unseres Führers:"Ab 5.45 Uhr wird zurückgeschossen. Von jetzt ab
wird Bombe mit Bombe
vergolten..." Na, ja, irgendwer hat ja mal gesagt, nirgendwo wird soviel
gelogen, wie in Kriegsberichten.
Anfangs fanden wir dann auch noch alles ganz putzig. Verdunklungspflicht.
Kein Lichtstrahl durfte nach draußen dringen, um den Engländern nicht den Weg zu
weisen, den sie sowieso gefunden hatten. Und dann knipsten sie auf ihre Weise
das Licht an, um besser sehen zu können, nämlich, indem sie die sogenannten
Tannenbäume abwarfen und rote Leuchtkugeln verschossen, die die ganze Stadt in
ein warmes rotes Licht tauchten und wir hingen in den Fenstern und bestaunten
die Pracht. Und wenn dann jemand vergessen hatte, das Licht auszudrehen, bevor
er die rabenschwarzen Rollos hochzog, dann tönte von irgendwoher garantiert ein
wütender Ruf: "Licht aus.!" Doch bald merkten wir, daß das kein Spiel mehr war,
um uns zu entzücken, denn die Sache wurde ernst und ernster. Die Bombenangriffe
hart und härter. Es war der reinste Zermürbungskrieg. Jede Nacht heulten die
Alarmsirenen, manchmal sogar bis zu elfmal und ich wurde müder und müder. Wir
gingen schon in voller Montur in's Bett, um uns damit nicht auch noch
aufzuhalten. Einmal hatte ich in meinem nachtwandlerischen Tran das Kleid, das
meine Mutter mir über den Kopf gestülpt hatte in der Hoffnung, ich würde mich
nun weiter ankleiden, einfach wieder an mir heruntergleiten lassen und stand
schlafend an der Wand. Meine Mutter kriegte die Krise, inzwischen war sie schon
mit vier Kindern gesegnet, und zog mich auch noch an. Ich hatte das Gefühl, ich
müßte etwas gut machen, denn es galt die Parole jeder hatte etwas mitzunehmen
und zu retten. Der Kleinste rettete natürlich nur seinen Schnuller. Also
sammelte ich sämtliche Fußmatten ein, die vor den Türen lagen und latschte mit
ihnen, schon wieder halb schlafend in den Flur, wo meine Mutter sie mir wütend
entriß und auf den Boden schleuderte. Als endlich Entwarnung gegeben wurde und
ich inzwischen einigermaßen wach, fragte ich dann ganz erstaunt, wer die ganzen
Matten dahingeschmissen hatte. Und meine Mutter bölkte los: "Allmächtiger, womit
bin ich gestraft. Mit vier Kindern und einem Ehemann, der sich in Frankreich
amüsiert und Bombenangriffe nur vom Hörensagen kennt.
Als
sich dann noch das fünfte Kind anschickte, unbedingt in dieses Bombeninferno
hineingeboren zu werden, ließ meine Mutter in Wilhelmshaven alles stehen und
liegen und meldete sich für den nächsten Evakuierungszug an, der uns dann einen
Monat nach der Geburt meines jüngsten Bruder im Februar 1943 nach Hessen
brachte, in ein kleines Dorf, einen Steinwurf von Marburg entfernt, wo wir das
Ende des Krieges in Ruhe und Frieden abwarten wollten. Ob meine Mutter
angesichts der Tatsache, daß Stalingrad am 2. Februar 1943 kapituliert hatte,
noch an den Endsieg glaubte, ist nicht überliefert. Meine Mutter hatte sich zu
politischen Ereignissen nie geäußert. Mit der Ruhe und dem Frieden war es nicht
weit her, denn schon bald kam eine neue Plage über uns. Die Tiefflieger. Sie
hatten den Befehl, auf alles zu schießen, was sich bewegte und das taten sie mit
Bravour. Ich nehme an, daß die Piloten in ihren Kanzeln ihren Spaß daran hatten,
wenn sie im Tiefflug herangebraust kamen, ihre Maschinengewehrgarben zwischen
die auf dem Feld arbeitenden Menschen verschossen, so daß denen die Ackerkrume
ins Gesicht spritzte, und wenn dann gar noch mitten auf dem Feld
hochaufgerichtet eine Frau stand und ihnen wild mit ihrem weißen Kopftuch
zuwinkte, dann wollten sie diese merkwürdige Ami-Sympathisantin sicher nicht
erschießen, knallten ihr aber trotzdem sozusagen als Warnung eine volle Ladung
blauer Bohnen genau vor die Füße, so daß die dann wie ein aufgeregtes Huhn in
den nächsten Graben plumpste. Ihren Fluch "Jeschusch, Maria, Jupp und Kurva"
konnten sie ja nicht hören.
Meine
Mutter fiel also erneut vor lauter Angst von einer Ohnmacht in die andere und
sie traute sich schon nicht mehr, ihre Kinder alleine aus dem Haus gehen zu
lassen, was sich aber nicht vermeiden ließ. So hatten wir zum Jugendappell
anzutreten, nicht nur die Jugend aus unserem Dorf, sondern auch aus den
umliegenden Dörfern. Irgendwo, schon fast außerhalb des Dorfes hatten wir dann
einen genügend großen Platz, von einer Straße durchschnitten, wo wir uns
aufzustellen hatten. Die Uniformierten vorne, die Nichtuniformierten, zu denen
ich auch gehörte, mußten hinten stehen, damit wir das Bild nicht störten. Unser
Rektor war ein glühender Nazi und sein Auge wollte nicht von so einem wie Kraut
und Rüben zusammengewürfelten Haufen beleidigt werden. Er trug nicht nur zu
diesem Anlaß seine Uniform, sondern, die schien ihm schon zur zweiten Haut
geworden zu sein. Auf der Straße hatte man einen Tisch aufgestellt und eine
Hakenkreuzfahne darüber gebreitet, die der Rektor mit zärtlichen Fingern
streichelte. Er wollte gerade zu seiner wohlvorbereiteten Rede ansetzen, als die
Tiefflieger herangebraust kamen, flogen donnernd über uns hinweg und sagten sich
wohl, das Theater da unten müssen wir uns mal näher ansehen. Die Formation
teilte sich, die eine Hälfte rechts, die andere Hälte links und kamen dann
herzförmig wieder zurückgebraust. Nun gab es kein Halten mehr. Adolfs
Hitlerjugend beherzigte seinen Rat: "Seid flink, wie Windhunde, zäh, wie Leder
und hart, wie Kruppstahl, und stoben in alle vier Winde auf der Suche nach einem
Schlupfwinkel. Ich hatte es da leichter, weil ich sowieso ganz hinten stehen
mußte. Ich brauchte nur um den Holzstapel herumzugehen, an den ich mich bis
dahin gelangweilt gelehnt hatte und mich vorsichtshalber hinducken und der Dinge
harren, die da kommen würden. Ich sah zur Straße hin, wo unser Rektor
abgeblieben war, doch der hatte sich bereits mitsamt seiner geliebten Fahne
unter dem Tisch verkrochen. Ein Gaudi für das ganze Dorf. Es hatte mal wieder
etwas zu lachen.
Meine
Mutter fand jetzt keine Ruhe mehr, sie ahnte wohl, daß alles den Bach
runtergeht, wenn wir schon zum Spielball der Tiefflieger wurden, die von keinem
unserer deutschen Fliegerasse aufgehalten und aus dem Lande gejagt wurden. Und
Berlin wurde ständig bombadiert, obwohl Göring noch am Anfang des Krieges
vollmundig getönt hatte, wenn auch nur ein einziges feindliches Flugzeug sich
über Berlin zeigen sollte, wollte er 'Meier' heißen. Inzwischen dröhnte er sich
mit Morphium voll und träumte sich seinen Sieg schön.
Im
April 45 wurden wir dann von überirdischen Geräuschen aufgeschreckt. Das war ein
Knirschen und Stöhnen, wenn Ketten auf Metall treffen, und dann kamen sie um die
Ecke. Zuerst sah man diese furchterregenden langen Metallrohre und dahinter
wurden die Panzer sichtbar. Und wenn sie die Rohre auf eines der Häuser
ausrichteten, dachten wir, jetzt jagen sie gleich das Haus in die Luft. Aber
dann richteten sie das Rohr wieder nach vorne und quälten sich weiter im
Schritttempo, eine endlose Stahllawine, Panzer, Tanks, Lastwagen und Jeeps. Die
Panzerluken waren offen und in jeder stand ein kaugummikauender Ami, den
Stahlhelm schräg auf dem Kopf, die Kinnriemen lose herunterhängend. In den
Lastwagen standen sie und köpften eine Flasche Wein nach der anderen, ließen
sich ein paar Schlucke in die Kehle laufen und warfen die noch halbvolle Flasche
grinsend in den Straßengraben und schmissen gleich noch Kaugummis, angebrochene
Zigarettenschachteln und Schokolade hinterher, nur um sich darüber zu amüsieren,
wie sich die Dorfjugend johlend über die Schätze hermachte.
Zu
Ostern 45 wurden uns sozusagen schwarze Ostereier ins Nest gelegt. Mein Bruder
kam angerannt und schrie aufgeregt: "Der schwarze Mann ist da." Tatsächlich
richtete jetzt eine schwarze Militäreinheit eine Kommandantur in unserem Dorf
ein. Auf unserem Hofvorplatz wurde eine Gulaschkanone in Gang gebracht, in der
nicht nur Gulasch, sondern auch wunderbarer Schokoladenpudding gekocht wurde.
Meine Mutter kriegte schon wieder ihre nächste Krise, weil sie es irgendwo hatte
läuten hören, die Schwarzen wären spitz wie Lumpi und wenn die Auserkorene nicht
freiwillig mitgehen wollte, würden sie ihr eben das Kind wegnehmen, falls sie
eines hatte, dann würde sie schon brav hinterherkommen und keine Zicken machen.
Doch unsere Schwarzen waren offenbar nicht spitz wie Lumpi, waren kreuzbrave
gutmütige Riesenbabys und holten zwar meinen kleinen Bruder aus dem Kinderwagen,
machten killekille an seinem Bauch, bis er vor Vergnügen krähte, warfen ihn ein
paar mal in die Luft, um ihn mit ihren Riesenpranken sicher wieder aufzufangen
und fütterten ihn anschließen mit Schokoladenpudding und wir Geschwister bekamen
auch unseren Teil ab. Die wollten eben nur spielen. Aber das kriegte meine
Mutter schon nicht mehr mit, weil sie inzwischen sanft in Ohnmacht gefallen
war.
Für
meine Mutter war jetzt der Krieg zu Ende. Sie wollte nur noch nach Hause. Aber
so schnell schossen die Preußen natürlich nicht. Und meine Mutter hatte keine
Ahnung, daß im Westen und im Osten, vor allem um Berlin noch die heftigsten
Kämpfe stattfanden. Notgedrungen wartete sie dann noch, bis es endlich offiziell
war, und dann rannte sie zur Kommandantur, um einen Passierschein zu beantragen,
der ihr natürlich nicht erteilt wurde mit der Begründung, die Amis wollten
nicht, daß sämtliche Straßen mit zurückflutenden Evakuierten, Flüchtlingen,
herumvagabundierenden ehemaligen Zwangsarbeitern, die sowieso nicht wüßten,
wohin, verstopft würden.
Das
kratzte meine Mutter wenig. Sie fühlte sich plötzlich unternehmungslustig. Der
Feind, war nicht mehr der Feind, vor dem man Todesangst haben mußte, sondern ein
schnöseliger pickeliger Bengel, der meinte, er könnte hier den strammen Max
markieren. Er imponierte meiner Mutter in keiner Weise. Sie sah ihn verächtlich
an und sagte forsch, dann fahre ich eben ohne Passierschein, Heil Hitler! Als
sie wieder draußen war, bekam sie dann doch weiche Knie und dachte, gleich
verhaften die mich als Nazisympathisantin oder was weiß ich. Doch der picklige
Schnösel, der fließend deutsch sprach, griente nur und rief ihr 'gute Reise'
nach.
Na,
ja, wenn man betrachtet, was die Menschen durchgemacht haben, die im Osten vor
den Russen geflüchtet waren, dann hatten wir eine gute Reise, auch wenn es für
meine Mutter wahrscheinlich die größte Herausforderung in ihrem Leben war. Man
könnte es mit einem Survivel-Urlaub unter Pfadfindern vergleichen.
Von
Marburg bis Neustadt konnten wir mit der Bahn fahren. 30 Kilometer war das
Limit. Ab da durfte man sich nicht mehr ohne Passierschein erwischen lassen.
Meine Mutter schaffte es offenbar, sich und ihre fünf Kinder im entscheidenden
Moment unsichtbar zu machen. So kamen wir unangefochten nach Kassel, von da nach
Warburg, Brackwede, Paderborn, Bethel bei Bielefeld und von da quer rüber nach
Hannover und von da nach Wilhelmshaven. Die Reise dauerte vierzehn Tage, denn
meistens ging es zu Fuß, manchmal durften wir zu einem Bauern auf den
Leiterwagen klettern und wenn wir von einem klapprigen Holzvergaser-Lastwagen
mitgenommen wurden, dann waren wir selig. Ab Hannover, wir konnten unser Glück
kaum fassen, konnten wir mit einem Zug nach Wilhelmshaven fahren. Zuvor hatten
wir aber noch ein Schreckenserlebnis der besonderen Art. Mein Bruder war
verschwunden, der mit den schnellen Beinen und dem die Unternehmungslust aus den
Augen blitzte. Mein jüngster Bruder hockte Gott sei Dank in seinem Kinderwagen,
war vorsorglich angeschnallt, und konnte nicht raus. Der nächste war zu behäbig,
um sich groß anzustrengen und war schon durch seine Behäbigkeit in Gefahr
geraten, weil er viel zu spät merkte, wenn sich da etwas zusammenbraute. Aber
der dritte, der älteste von den Brüdern, der hatte es in sich, der war immer auf
Jück. Als er sich beim Klettern ein Bein gebrochen hatte, brachte meine Mutter
in runter in den Hof und setzte ihn in den Sandkasten zum Spielen in der
Meinung, nun könnte er ja nicht weglaufen mit seinem Gips, von wegen kurze Zeit
später war er schon auf seinem Hosenboden über den Hof auf die Straße gerutscht.
Und nun war er in Hannover verschwunden. Die Menschenmenge hatte ihn einfach
verschluckt. Natürlich bekam ich als Älteste das Donnerwetter ab, nicht genug
aufgepaßt zu haben. Warum meine Schwester keinen Anpfiff kriegte, obwohl sie
eigentlich die Aufgabe gehabt hatte, die beiden Brüder an einer Leine zu halten
und mit ihnen sozusagen Pferdchen zu spielen, war mir schleierhaft. Also suchten
wir meinen Bruder. Meine Mutter ging in die eine Richtung und ich in die andere.
Dann wollten wir uns wieder beim Kinderwagen und den Rest der Familie treffen.
Ich glaube, ich habe einen Olympia-Rekord im Langsamgehen aufgestellt, weil ich
solche Angst hatte, ohne meinen Bruder zurückzukehren. Es war ein trostloser
Anblick. Der Bahnsteig war schwarz vor Menschen und wenn man einmal einen freien
Blick auf die Stadt hatte, dann sah man nichts als Steine, Steine und nochmal
Steine. Eine Trümmerlandschaft, soweit man sehen konnte. Das war der
Weltuntergang. In mir war auch Weltuntergang und als ich immer trostloser
werdend endlich wieder zurückgeschlichen kam, konnte ich mein Glück kaum fassen.
Neben meiner Mutter stand mein Bruder, fröhlich auf einem Stück Kommisbrot
kauend. Das hätten wir uns ja auch eigentlich denken können, daß er als erstes
seiner Spürnase folgend die Bahnhofsmission ansteuern würde, um nach Eßbarem zu
fragen, denn wir hatten ja die ganze Zeit unter großem Hunger gelitten, weil wir
ohne Passierschein keine Lebensmittelmarken bekamen, so daß wir immer auf die
mildtätigen Gaben hilfsbereiter Menschen angewiesen waren.
Um das
Maß unseres Glückes voll zu machen, fuhr ein Zug ein, der als solcher gar nicht
mehr zu identifizieren war. Die Menschen hingen wie Trauben an ihm, auf ihm, in
ihm und unter ihm. Wie viele bei solch halsbrecherischen Fahrten zu Schaden
gekommen waren, ist wohl kaum erfaßt worden. Der Zug kam genau vor unserer Nase
zum Stehen, eine Waggontür schlug auf und meine Mutter, die wohl gerade noch
gedacht haben mag, da kommen wir niemals mit, wurde von kräftigen Männerhänden
in den Zug geschoben, der Kinderwagen gleich hinterher und wir restlichen Kinder
wurden der Einfachheithalber durch die Abteilfenster gehoben. Vor Glück vergaßen
wir Hunger und Durst, jetzt ging es endlich nach Hause.
In
Wilhelmshaven kam dann der nächste Schock, der unser Glück dämpfte. Es sah hier
nicht besser aus als in Hannover vom Bahnhof aus zu sehen gewesen war. Die
Bomberverbände hatten ganze Arbeit geleistet. Straßenzüge um Straßenzüge lagen
in Schutt und Asche. Es hieß, daß die Stadt zu 75% zerstört war einschließlich
unserer Wohnung, wovon wir keine Ahnung hatten, weil die Post inzwischen auch
nicht mehr funktionierte. Wir schlüpften also bei meiner Tante unter, so daß wir
mit elf Personen uns ständig gegenseitig auf den Füßen standen. Die Rückkehr der
Männer und der drei ältesten Kinder meiner Tante aus dem Krieg würde uns vor
weitere Probleme stellen, die dadurch behoben wurden, daß das Wohnungsamt meine
Mutter und uns fünf Kinder kurzerhand in eine halb ausgebombte Wohnung einwies
zur Freude meiner Brüder, konnten sie doch, ohne daß meine Mutter etwas merkte
aus dem vierten Zimmer am Ende des Flurs auf das Nachbartrümmergrundstück
springen, denn die ganze Wand auf dieser Seite war weggerissen und wir hatten
sozusagen zwei Ein- und Ausgänge. Den offiziellen durch die Wohnungstür und den
inoffiziellen durch die fehlende Wand im vierten Zimmer. Natürlich bekamen wir
durch diese Schwachstelle denn auch schon mal ungebetenen Besuch, so daß die
erste Amtshandlung meines Vaters, als er aus dem Krieg zurückkam, war, unsere
hintere Welt mit Brettern zu vernageln.
Und
dann nahm alles irgendwie seinen normalen Gang, wenn man das überhaupt so
bezeichnen kann. Die Stadt berief alle, die noch kriechen konnten, zum Trümmer
wegräumen, Steineklopfen und den ersten zaghaften Wiederaufbau. Wer sich
weigerte, bekam keine Lebensmittelmarken, so einfach war das. Wir gingen wieder
zur Schule und wir leckten uns alle Finger nach der von den Amis gestifteten
Schulspeisung und freuten uns wie ein Schneekönig, wenn der Pfarrer seine
Schätze aus den Carepaketen verteilte und wir ein Kleid, eine Bluse oder ein
paar Schuhe daraus ergattern konnten. Mein jüngster Bruder hatte nur ein
einziges Paar Schuhe, neue waren nicht zu kaufen, und diese Schuhe hatte er dann
beim Spielen auf dem Nachbargrundstück verloren. Was für eine Katastrophe. Wir
mußten dann alle ausschwärmen, um die Schuhe zu suchen und drehten quasi jeden
Stein um, bis wir sie wiedergefunden hatten.
Nach
der Schule bekam ich eine Lehrstelle bei einem Rechtsanwalt und Notar und legte
nach zweieinhalb Jahren meine Prüfungen mit 'gut' ab. Danach arbeitete ich elf
Jahre bei den Schreibmaschinenwerken Olympia und ging dann 1963 nach Hamburg, wo
ich dann wieder eigentlich ohne mein Zutun in einem großen Notariatsbüro
landete, wo ich dann bis zu meinem Ruhestand arbeitete, die letzten 15 Jahre als
Bürovorsteher. Der eigentliche Grund nach Hamburg zu gehen, war mein Sohn, bei
dem wir in den ersten Jahren an eine Sprachschwierigkeit glaubten, genau, wie
die Ärzte und wir wollten ihn hier in Hamburg auf eine Sprachheilschule geben.
Hier wurde dann festgestellt, daß seine Behinderung tiefer lag, es sich nicht
nur um einen Sprachfehler handelte und eine Sprachheilschule ihm also auch nicht
helfen könnte. Wir hatten das Glück, daß gerade zur rechten Zeit in unserer Nähe
eine heilpädagogische Tagesschule eröffnet und unser Sohn dort aufgenommen
wurde.
Nun
waren wir also in Hamburg und mußten feststellen, daß wir mit der Zukunft
unseres Sohnes ein ernsthaftes Problem hatten.
Wir kamen zu dem Schluß, daß die beste Absicherung für ihn ein eigenes Haus mit Garten war. Da würde er sich sicher und wohlfühlen, wir könnten Tiere halten, die er so liebte und er könne sich nach Belieben in Haus und Garten beschäftigen. Er ist ein fröhlicher und humorvoller Mensch, liebenswert, umgänglich und tut keiner Fliege etwas zuleide.
Wir kamen zu dem Schluß, daß die beste Absicherung für ihn ein eigenes Haus mit Garten war. Da würde er sich sicher und wohlfühlen, wir könnten Tiere halten, die er so liebte und er könne sich nach Belieben in Haus und Garten beschäftigen. Er ist ein fröhlicher und humorvoller Mensch, liebenswert, umgänglich und tut keiner Fliege etwas zuleide.
So
haben wir denn 1971 unser Haus bezogen, wo er sich geborgen und pudelwohl fühlt.
Die Katzen, die über die Jahre unser Leben mit viel Freude und Liebe bereichert
haben, waren sein ein und alles und wenn sie starben, haben wir sie gemeinsam
unter Tränen begraben.
Er
nennt mich Chef oder Chefin, weil er wohl spürt, daß ich sein Kopf bin und er
ist mein starker Arm. So leben wir jetzt friedlich in unserer Oase seit 38
Jahren. Mein Mann starb 2002 und so habe ich dann 2003 einen Bruder für meinen
Sohn gesucht und adoptiert in der Hoffnung, daß er die Angelegenheiten für
meinen Sohn in meinem Sinne regeln wird.
Und
wenn ich vor die Tür trete und meine Rasenflächen und die Waschbetonsteine
betrachte, die von dem zähen Moos überzogen werden, dann denke ich: "Ohne Moos
nix los", denn jetzt haben wir wieder reichlich zu tun, um das ganze Moos
wegzukratzen.
Weiß
jemand, wie man dem Moos am wirksamsten zu Leibe rückt? Denn das ist wahrlich
eine Fronarbeit.
LG
Renate Kronberg
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